14. November 2021 | Aktuelles

Persistierende Milchzahnkappen bei Jungkühen – eine unterschätzte Abgangsursache?

Ein Fallbericht

Vorbericht

Eine 2,8 Jahre alte FV Kuh in der ersten Laktation zeigte anfangs „Wickel kauen“ (= zigarrenförmige Futterreste auf dem Futtertisch), später dann „Ausspucken“ der zu ruminierenden Boli. Im weiteren Verlauf wurde der Panseninhalt regurgitationssartig nahezu vollständig auf den Futtertisch gespuckt. Futteraufnahme ging deutlich zurück und das Allgemeinbefinden war bis dahin ungestört. Bei einer Milchleistung von durchschnittlich 34 kg/Milch pro Tag verlor die Erstlaktierende allerdings zügig Körpermasse, die Milchleistung sank rapide ab und sie drohte in eine klinische Ketose zu rutschen.

Untersuchung, Therapie & Verlauf in Stichpunkten

Allgemeine Untersuchung

Untersuchung der Maulhöhle

  1. Sedation bei erhaltener Stehfähigkeit
  2. Anlegen des Maulgatters (speziell für Wiederkäuer mit gepolsterten Gaumenplatten, siehe Bild)
  3. Erhebung des Zahnstatus mit guter Kopflampe und Zahnspiegel (mit Ethanol besprühen, dann beschlägt er nicht): Stimmt die Zahnformel (siehe Abbildung unten)? Welche Zähne haben schon gewechselt? Sind Schleimhautläsionen, sonstige pathologische Befunde oder Anomalien zu sehen?
  4. Diagnose: 4 persistierende Milchzahnkappen der Prämolaren, die das Wiederkäuen mechanisch und schmerzbedingt verhindert haben.
  5. Therapie: Mit einer 4 Punktzange die Milchzahnkappen fassen und extrahieren, Ketosebehandlung
  6. Verlauf: Jungkuh hat nach der Behandlung wieder physiologisch wiedergekäut und erholte sich.
  7. Was ist zu beachten? Nur lockere Milchzahnkappen entfernen, sonst können darunter liegende bleibende Zähne Schaden nehmen.

Diskussion

Laut Studien gehen rund 30 % der Kühe in der 1. Laktation wegen schlechter Milchleistung ab. Ich bin der Meinung, dass dieses offensichtliche und drastische Fallbeispiel einer Jungkuh mit Zahnproblemen nur die Spitze des Eisbergs darstellt und ein beträchtlicher Anteil der deutlich zu früh remontierten Kühe ähnliche Probleme haben könnten. Leichtere Fälle von nur einzelnen, persistierenden Zahnkappen könnten ebenso zu einer verringerten Wiederkauaktivität und schlechterer Futteraufnahme mit allen daraus resultierenden Problemen und Folgen für die betroffenen Kühe führen.

Leider gibt es bis dato nur sehr wenige Studien und ein großes Gap of Knowledge im Bereich der Zahnheilkunde beim Rind. Vor zwei Jahren habe ich selbst bei mehreren Institutionen Forschungsgelder zu dieser Thematik beantragt. Diese Anträge wurden alle wegen „mangelnder Relevanz“ abgewiesen. So nach dem Motto „Schau ich nicht hin, wird es schon nicht relevant sein“. Daher müssen wir Tierärzt*innen uns auf dem Gebiet der Zahnheilkunde beim Rind selbst fit machen und unsere Differentialdiagnosenliste erweitern.

Vielen Dank an die Tierarztpraxis Dr. Steinhart http://www.tierarztpraxis-steinhart.de für die gute Zusammenarbeit!

Herkömmliche anatomische Zahnformel in Großbuchstaben und modifiziertes System nach Triaden in Nummern beim bleibenden Gebiss des Rindes (Jones und St. Clair, 1957 in: Probst et al., 2016)

Vorträge & Praxistage


Ich gebe mein Wissen und meine Fähigkeiten gerne weiter.
Bei interesse an meinen Veranstaltungen nehmen Sie bitte Kontakt mit mir auf.

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